Warum ich Instandhaltung liebe.
Industrielle Instandhaltung ist etwas ganz besonderes.

Heute weiß ich, dass meine Karriere in der Instandhaltung eigentlich schon entschieden war, bevor ich überhaupt wusste, was das Wort „Instandhaltung“ bedeutet. Alles begann in einer kleinen Garage, irgendwo in Ostdeutschland – und nicht in einem Industriebetrieb. Ich war vierzehn Jahre alt, als mich mein Nachbar fragte, ob ich ihm beim Reparieren alter VW Käfer aushelfen wolle. Erstmals befand ich mich zwischen ölverschmierten Werkzeugen, dem Geruch von Benzin, Metall und Lackierfarbe. Mein Nachbar liebte alte Käfer – und er hatte die wunderbare Fähigkeit, aus hoffnungslosen Schrotthaufen wieder fahrbereite Autos zu machen. Für mich war das damals eine ganz neue Welt. Ein VW-Käfer hatte im Osten etwas magisches. Man muss verstehen: Im Osten gab es keine Autos aus dem Westen, und schon gar nicht Ersatzteile für westliche Autos. Zumindest nicht offiziell. Wenn etwas kaputt war, konnte man nicht einfach das Teil nachbestellen. Also wurde improvisiert. Teile wurden nachgebaut, angepasst, getauscht oder mit unglaublicher Kreativität ersetzt. Wegwerfen gab es nicht. Alles konnte irgendwann noch einmal nützlich sein. Rückblickend war das wahrscheinlich meine erste Lektion in Nachhaltigkeit und kreativer Problemlösung – auch wenn ich damals einfach nur begeistert war, einen Motor auseinanderzunehmen.
Irgendwann kaufte ich mir mit achtzehn Jahren meinen eigenen, völlig heruntergekommenen VW Käfer. Baujahr 1950 mit Split-Window - fahruntüchtig natürlich. Vernünftig war das nicht. Aber ich habe dieses Auto geliebt. Vielleicht auch, weil ich aus etwas scheinbar Wertlosem wieder etwas Besonderes machen konnte. Ich glaube heute, dass ich dort zum ersten Mal verstanden habe, worum es in der Instandhaltung wirklich geht: nicht nur um Technik, sondern um den Respekt vor technischen Dingen, um Kreativität und um die Freude, etwas wieder zum Leben zu erwecken oder am Leben zu erhalten.
Später wurde aus dieser Leidenschaft ein Beruf. Erst Maschinen- und Anlagenmonteur, dann Servicetechniker. Danach Studium, Forschung und schließlich der Einstieg in die Welt der industriellen Instandhaltung: Softwareentwicklung und Beratung. Anstatt öliger Hände gab es saubere PowerPoint-Präsentationen. Anstatt ein alter, verbeulter Werkzeugkasten war es nun ein Kennzahlen-Set, Reparaturlisten wurden durch Reliability-Strategien ersetzt, und aus einer CMMS-Installation erwuchsen globale Transformationsprojekte. Aber ehrlich gesagt: Im Kern hat sich nie etwas verändert. Es ging immer darum zu verstehen, warum etwas nicht funktioniert – und wie man es besser machen kann.
Was mich an der industriellen Instandhaltung bis heute fasziniert, ist ihre enorme Bedeutung, die immer noch sehr häufig unterschätzt wird. Viele Menschen glauben, Instandhaltung sei einfach „Reparieren“. In Wirklichkeit entscheidet sie darüber, ob Raffinerien produzieren, Chemieanlagen sicher laufen, Kraftwerke verfügbar bleiben oder Milliardeninvestitionen ihren Wert entfalten. Wenn Anlagen stillstehen, wird Instandhaltung plötzlich zur Vorstandssache. Dann geht es nicht mehr um Schrauben und Ersatzteile – sondern um Lieferketten, Gewinne, Wettbewerbsfähigkeit und manchmal sogar um die Zukunft ganzer Standorte. Genau das hat mich beruflich immer erfüllt. Ich hatte das große Glück, über Jahrzehnte Unternehmen dabei helfen zu dürfen, besser zu werden. Nicht theoretisch, sondern ganz konkret. Wenn eine Anlage stabiler und sicherer lief, Produktionsverluste verhindert wurden, Menschen weniger im permanenten Firefighting arbeiten mussten und ein Standort wieder erfolgreich war – dann spürte ich, warum ich meinen Beruf so sehr liebe.
Vielleicht bin ich auch deshalb der Instandhaltung mein ganzes Berufsleben lang treu geblieben. Obwohl ich viele Möglichkeiten gehabt hätte, in andere Managementbereiche zu wechseln. Supply Chain, Strategie, Operations oder Investement Management – all das wäre möglich gewesen. Aber die Instandhaltung hatte für mich immer etwas unglaublich Ehrliches. Man sieht unmittelbar, ob etwas funktioniert oder nicht. Und wenn man gemeinsam mit Menschen echte Probleme löst, erwächst daraus etwas sehr Befriedigendes. Rückblickend überrascht es mich manchmal selbst, dass aus dem Jungen aus einer kleinen, unbedeutenden Garage in Ostdeutschland, ein internationaler Berater für Asset Management geworden ist. Geplant war das alles nie. Aber jeder Schritt hat irgendwie auf dem vorherigen aufgebaut. Und vielleicht ist genau das das Schöne daran: Mein Berufsleben folgte keinem Karriereplan. Es war eher eine sehr lange "Reparaturgeschichte" – nur nicht mehr von VW Käfern, sondern von Unternehmen der Prozessindustrie.